Berlin Report
Berlin ist eine ewige Baustelle. Die Stadt – speziell der Stadtteil Mitte – ist ein Jungle von Cafes, Bars, Galerien, Wurstbuden, Bio-Läden, Hilf-Dir-Selbst-Shops, Mode-Designern, Sound-Studios, Tanzhallen etc. Die Lokalitäten verwenden oft lustige Wortspiele als Namen, so z.B. “Z-inema”, “Juxirkus”, “Schilleria”, “Tatü”, “Club der polnischen Verlierer”. Langweilige Lokale wie Mc Donalds und Aldi gehen unter. Das alles eingebettet in eine sehr vielfältige Architektur, die den Eindruck erweckt, dass trotz der Bombenhagel vom zweiten Weltkrieg doch einige klassische Bauten überlebt haben.
Die Leute haben es hier super im Griff, neben den überaus teuren Mainstream Veranstaltungen (Ticketpreis 30 Euro aufwärts) eine Vielfalt an kleinen Konzerten, Performances, Lesungen und Partys für maximal 5 Euro bzw. 2 Euro pro Bier anzubieten. Das mag einerseits daran liegen dass hier mehr Platz ist andererseits aber auch daran, dass die Stadt bis vor kurzem (sprich vor der “Wende”) ziemlich isoliert war und dass die Leute selber etwas machen mussten. Vor der Wende hatten die Berliner ja keinen Pass und es war sozusagen immer noch Kriegsgebiet. Dies hat sich positiv auf die Kreativität der Bürger ausgewirkt.
Ausserdem – so erklärt mir mein Freund Jurckzok 1001 – liebt das Berliner Publikum das “trashige“. Es gibt viele Bühnen wo jeder mal rauf kann. Zu perfekte gekünstelte Acts sind dem Publikum suspekt. Jurczok 1001 kommt übrigens auch aus Zürich und hatte im Rahmen der Popkomm eine Performance im “Cafe Burger”. Die Leute waren begeistert. Er hat seine Show in Schwiizertüütsch durchgezogen. Das scheint bei den Deutschen generell gut anzukommen – diese exotischen Schweizer.
Obwohl ich kein Kind mehr bin konnte ich es nicht lassen, den Bahnhof Zoo zu besuchen, aber nicht um Heroin zu kaufen, sondern um die Tierwelt zu bestaunen. Schöner Park mit wundervoll kitschig gestalteten Tierhäusern. Das Giraffenhaus ist z.B. im orientalischen Stil gehalten. Sehr gefallen hat mir auch das Büffelgehege mit den “american native” gestyleten Blockhütten.
Gleich anschliessend ist ein Besuch des “KaDeWe” angesagt. Das Kaufhaus des Westens, vergleichbar mit dem Zürcher Globus, aber grösser.

Überhaupt ist hier alles ein bisschen grösser als im guten alten Zürich, die Wohnungen sind alle 1/2 Meter höher und die Strassen eine Spur breiter, jedoch nicht auf Kosten des Bürgersteiges, der oftmals auch sehr grosszügig gehalten ist.
Am Sonntag besuchen wir einen Flohmarkt wo auch viele Künstler Ihre Ateliers ausmisten. Ich bin derart begeistert von einem Pullover dass ich gleich zuschlagen muss. Ein unikat, durchgestylet und handgenäht in Germany für sage und schreibe 30 Euro. Leider nicht jedermanns Sache andere Marktbesucher bezeichneten die Kollektion als “Karnevals-Putzlappen” aber ich verstehe gar nicht was solche “Spiesser” hier überhaupt verloren haben. Ich finde die Kollektion von Birgit Neppl hammermässig.

Unglaublich, dass noch heute Postkarten von dem ausgebombten Reichstag feilgeboten werden. Diese Stadt hat den zweiten Weltkrieg noch nicht verdaut. Das Thema ist allgegenwärtig. Zum Beispiel können Bürger Recherchen über deportierte Bürger anstellen und basierend auf diesen Angaben wird für jede Person ein goldener Pflasterstein – sogenannte Stolpersteine – mit eingravierten Angaben zu den Opfern verlegt.
Na gibts denn so was, da werde ich in der Deutschen Hauptstadt in schweizer Geschichte belehrt: Wer weiss denn noch, dass der drittgrösste Reaktorunfall (nach Tschernobyl und Idaho Falls) der jemals vorkam in der Schweiz stattfand (Stichwort Lucens – 1969 – siehe weblinks am Schluss)?!
Die Fremdenfeindlichkeit scheint auch hier ein Thema zu sein, daher sind unsere deutschen Brüder von den jüngsten politischen Entwicklungen wenig beeindruckt.
Lustigerweise scheint aber die schwiizer Dienstwaffe hier für Entrüstung zu sorgen, so erzählt mir z.B. mein Freund Tom: “Das darf ja wohl nicht wahr sein, die Schweizer haben nicht nur Waffen und Munition zu Hause sondern auch die Anweisung, sich im Falle einer Mobilmachung den Weg freizuschiessen. Plus die Munition wird dann auch noch ersetzt. Das ist doch krank. Da Merkt man schon dass dieses Volk schon lange keinen Krieg mehr durchgemacht hat.”
Es gäbe noch viel zu berichten aber ich kann jedem der noch nicht genug hat nur folgendes empfehlen: Job an den Nagel hängen und für drei Monate verreisen. Naja, eine gute Übersicht bietet das Stadtmagazin “Zitty”, erhältlich an jeder Ecke oder im Web unter:





Der Gedankenbörsen-Blog wird von R.Wiedenmeier (Schweiz/Kasachstan) geschrieben.
30. September 2006 um 09:17
Ganz herzliche dank Tara für den spannenden Bericht aus der Grossstadt. Jetzt hast du mich neugiergig gemacht und so muss ich früher oder später Berlin doch auch mal anschauen gehen.