GFS: “Hätten Sie gerne einen Juden in der Familie ?”
Heute hat mich eine Mitarbeiterin der GFS (Schweiz. Gesellschaft für praktische Sozialforschung, http://www.gfsbern.ch/) zum Thema Antisemitismus telefonisch befragt. Unter anderem wurden Fragen gestellt wie “Denken Sie es ist wahr, was andere Leute über Juden sagen ? , Hätten Sie gerne einen Kosovo-Albaner / Schwarzen / Juden / Zigeuner in Ihrer Familie ?”.
Nun was soll ich dazu sagen? Ich beurteile Menschen nicht nach Ihrer Religion / Hautfarbe / Ethnie. Ich finde es ziemlich gewagt eine solche Umfrage durchzuführen. Sie zwingt den Befragten eine gewisse Denkweise auf und vermittelt so kein objektives Resultat.
Es erscheint als geht es bei der Umfrage weniger um Sozialforschung als vielmehr um die Verbreitung einer bestimmten Politik, die nicht den Frieden und die Gleichstellung zum Ziel sondern eine Untermauerung der Klassen-Gesellschaft.
Ich würde an dieser Stelle gerne eine Stellungnahme der verantwortlichen Personen bezüglich Veranlassung, Auftrageber und Zeilsetzung der Umfrage lesen. Dazu wollte mir die Person die die Umfrage durchgeführt hat leider keine Angaben machen.





Der Gedankenbörsen-Blog wird von R.Wiedenmeier (Schweiz/Kasachstan) geschrieben.
5. Februar 2007 um 13:55
Kontaktformular: http://www.gfsbern.ch/kontakt/kontakt.php
Blog: http://www.kommunikationsblog.ch/blog/
10. Februar 2007 um 13:53
Tatsächlich extrem bekloppte Fragen. Als ob “ein Kosovo-Albaner” in die Familie einheiraten würde und nicht “Luan, der langjährige Freund meiner Schwester, der mir so nett beim zügeln half” oder so was, also ein Menschen mit Gesicht, Geschichte, sozialem Umfeld…
Kann es sein, dass es sich bei der Studie um diese hier handelte?
http://www.gfs.ch/antsemkurz.html
11. Februar 2007 um 21:34
Nein. Der Originaltitel der Studie ist “Befragung anti-jüdische Einstellungen”.
Ich konnte beisher von der GFS eine sehr belehrende Stellungnahme erhalten, in dem die Verantwortung für den Fragenkatalog an die begutachtenden Experten abdelegiert wurde. Die Aufforderung, zu den kritischen Punkten Stellung zu nehmen blieb bisher unbeantwortet. (“rassistisches Gedankengut wird durch die Umfrage verbreitet”, “Objektivität der befragten wird beeinflusst, durch Aufzwingen einer bestimmten Denkweise”
)
11. Februar 2007 um 23:46
Ich wude noch nie von einer solchen Institution belästigt und kann somit bezüglich der Argumente nichts beitragen, finde es aber gut, wenn du der Sache auf den Grund gehst, Tara!
Aus Prinzip :”Nein zu Rassismus” und “Nein zu Antisemitimus”.
15. Februar 2007 um 01:18
Da fehlt zudem noch die Beurteilung von Menschen mit einer homosexuellen Orientierung…
11. März 2007 um 11:17
Wie kann man Antisemitismus erforschen?
Mir obliegt die operative Projektleitung dieser Studie. Ich möchte hier gerne Stellung zur von Euch vorgebrachten Kritik an der Studie “antijüdische und antiisraelische Einstellungen in der Schweiz” nehmen. Dass meine frühere Stellungnahme zu Deinen Fragen Dir Tara belehrend vorkam, tut mir leid, dies war sicher nicht meine Absicht. Auch wollte ich keineswegs die Verantwortung für den Fragekatalog an Experten delegieren. Zuerst aber zur Veranlassung, zur Zielsetzung und zum Auftraggeber der Umfrage.
Anlass
Einen konkreten Anlass für die Studie gibt es nicht. Aber braucht es den? Stein des Anstosses war allerdings die Veröffentlichung der Kriminalstatistik in Deutschland, wo ein Anstieg der Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund von 27 Prozent innert Jahresfrist verzeichnet wurde und die rechtsradikale Szene weiterhin Zulauf genoss. Diese Nachricht hat bei uns im Forschungsteam von gfs.bern die Frage ausgelöst, wie es um die unterschiedlichen Erscheinungsformen und die aktuelle Verbreitung antisemitischer Strömungen in der Schweiz ganz allgemein aussieht. Die Misanthropie-Studie “Monitoring misanthropy and rightwing extremist attitudes in Switzerland. An explorative study” von Sandro Cattacin, welche kurz nach der Deutschen Kriminalstatistik erschienen ist, hat das Vorhandensein einer fremdenfeindlichen und antisemitischen Grundströmung innerhalb aller gesellschaftlichen Gruppen auch in der Schweiz festgestellt. In dieser Studie wurde Antisemitismus allerdings nur gerade mit zwei Fragen gemessen (Juden haben zu viel Einfluss in der Schweiz und Juden sind an ihrer Verfolgung teilweise mitverantwortlich).
Zielsetzung
Trotz dieser neusten Studie, die sich aber eben nur am Rande dem Thema Antisemitismus annahm, weiss man eigentlich immer noch sehr wenig über die inhaltlichen Ausprägungen und spezifischen Formen der Popularisierung von anti-jüdischen Ideologien, über die Verbreitung und die Entwicklungsdynamik dieses Phänomens in der Schweizer Bevölkerung. Um die Stimmung und vor allem auch die Stimmungsänderungen in der Bevölkerung erfassen und beurteilen zu können, bräuchte es laut dem Bericht “Antisemitismus in der Schweiz. Ein Bericht zu historischen und aktuellen Erscheinungsformen mit Empfehlungen für Gegenmassnahmen” (1998) der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus aber breit abgestützte “regelmässige, systematisch erhobene Forschungsresultate”. In der EU werden solche Daten durch das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) erhoben. In der Schweiz fehlt eine solche Datenbasis hingegen gänzlich. Diese Lücke möchte gfs.bern mit dieser Studie über “antijüdische und antiisraelische Einstellungen in der Schweiz”, welche sich an den internationalen Vorgaben und Studien orientiert und optimalerweise in einem Zweijahresrhytmus wiederholt wird, schliessen.
Auftraggeber
Die Initiative für die Etablierung eines Antisemitismus-Monitors in der Schweiz stammt von gfs.bern. Unser Haupt-kooperationspartner ist tachles, das jüdische Wochenmagazin, womit wohl auch der Vorwurf entkräftet wäre, dass diese Studie “die Verbreitung einer bestimmten Politik” zum Ziel hat (nichts läge übrigens auch mir persönlich ferner als dies!). Was die anderen Partner betrifft, haben wir auf eine gemischte Struktur an Organisationen gesetzt. Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) trägt das Patronat der Studie.
Fragekatalog
Und nun zu Eurer Kritik an unserem Fragekatalog. Für uns ist das Argument, dass man mit einer Befragung zum Thema Antisemitismus diesen erst fördert oder gar rassistisches Gedankengut verbreitet, nicht haltbar. Dass die Befragten allein aufgrund des einmaligen Hörens oder Lesens diese Vorurteile übernehmen, ist ja wirklich nicht zu erwarten. Leider lassen sich Studien zu Vorurteilen und Stereotypen nicht durchführen, ohne diese zu thematisieren. Dass davon eine besondere Gefahr ausginge, halte ich für nicht stichhaltig. Antisemitismus verschwindet nicht einfach, wenn man aufhört darüber zu sprechen. Es handelt sich bei diesem Phänomen um ein relativ stabiles Einstellungsmuster, welches in den Kontext des Rassismus einzubetten ist und somit relativ tief verwurzelte Grundhaltungen anspricht, welche nicht durch ein 12-Minuten-Interview völlig auf den Kopf gestellt werden können. Auch wenn dies bei allen Befragten tatsächlich eintreffen würde, dann wären das 1000 Antisemiten mehr im Land. Angesichts einer Bevölkerung von 7.5 Millionen beträfe dies demnach 0.013% der EinwohnerInnen. Der tatsächliche Anteil Antisemiten in der Schweiz liegt laut bisherigen Studien allerdings irgendwo zwischen 10-15%. Wäre es Eurer Meinung nach wirklich besser, einfach nicht mehr über Antisemitismus zu sprechen? Verschwindet das Phänomen durch die Tabuisierung von alleine? Ich vertrete vielmehr die Meinung, dass man endlich wissen sollte, worüber wir beim Phänomen “Antisemitismus in der Schweiz” genau sprechen. Nur so können auch entsprechende Massnahmen zur Bekämpfung von antisemitischen Einstellungen entwickelt werden.
Da das Thema Antisemitismus stark wertbehaftet ist, können wir die Leute in einer Befragung nicht direkt fragen “bist du Antisemit”. Es ist klar, dass uns die Befragten hierauf entweder gar keine oder aber eine sozial erwünschte Antwort geben würden. Also müssen wir mit Indikatoren arbeiten, welche das Phänomen möglichst genau umschreiben (Stereotypen, emotionale und kognitive Einstellungen zu Juden). Bei der Entwicklung dieses Indikatorenkatalogs mussten wir nicht bei Null beginnen, weil wie gesagt, verschiedene internationale Studien existieren, welche langjährige Erfahrungen sammeln konnten mit der statistischen Erfassung von Antisemitismus in der Bevölkerung. Wir haben uns also stark an frühere Studien (v.a. an jene von Prof. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin) angelehnt, haben den Fragebogen aber um schweiztypische Erscheinungsformen von Antisemitismus ergänzt. Um diese schweiztypischen Formen zu eruieren, haben wir einerseits wissenschaftliche Literatur aus der Schweiz studiert und andererseits 17 Experteninterviews durchgeführt mit Fachpersonen, die sich in der Schweiz mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen. Mit diesen Erläuterungen will ich mich nicht der Verantwortung entziehen, sondern Transparenz schaffen.
Mit der von Tara kritisierten Frage zur Akzeptanz verschiedener Personengruppen als Familienmitglieder messen wir “Soziale Distanz”. Sie bezeichnet die Grade und Abstufungen des Verstehens und der Vertrautheit, welche im Allgemeinen die präsozialen und sozialen Beziehungen charakterisieren. Gemeint ist also das Ausmaß an Distanz, das sich Individuen einer Gruppe zwischen sich und Mitgliedern einer anderen Gruppe in bestimmten Situationen des persönlichen Kontaktes (bei uns als Familienmitglied) wünschen. Die soziale Distanz als Gefühl bezieht sich auf ein Individuum nur insofern es Mitglied einer sozialen Gruppe ist und drückt sich aus in Sympathie, Neutralität oder Antipathie. Soziale Distanz ist demnach auch ein Mass für die gewünschte Form der Interaktion zwischen Individuen. Gemessen wird Soziale Distanz unter anderem eben den von uns verwendeten “social contact range”, welcher angibt, wie gut einzelne Gruppen akzeptiert sind auf den Ebenen “Nahe Verwandtschaft und Heirat”, “guter persönlicher Freund”, “Nachbar”, “Arbeitskollege”, “Staatsbürger im eigenen Land” sowie als “Besucher im eigenen Land”. Wir haben uns in unserer Studie für die stärkste Form, also die Familienzugehörigkeit entschieden.
Selbstverständlich konnte man hier, wie übrigens auch in allen anderen Fragen der Studie, sagen, dass man dies nicht so generell beantworten kann. Falls dies von dem Befragten so geäussert wurde, wurde die Antwort von den InterviewerInnen auch so aufgenommen und vermerkt. Diese Möglichkeit der Antwort bestand also in jedem Fall. Es wurde niemand gezwungen sich auf dieser Skala einzuordnen. Von einem Aufzwingen von bestimmten Denkweisen kann also keine Rede sein.
Übrigens: Von den 1000 von uns zu diesem Thema befragten Personen haben sich drei negative zum Vorgehen geäussert – ein absolut normaler Anteil notabene.
So, ich hoffe, mit diesen Ausführungen etwas zur Versachlichung der Diskussion beigetragen zu haben. Wenn ihr weitere Fragen oder Anmerkungen zur Studie, welche Ende dieses Monats veröffentlicht werden soll, habt, nur zu. Ich stelle mich der sachlichen Diskussion gerne auch weiterhin zur Verfügung.
mab
13. März 2007 um 01:52
Liebe Mab
Langsam bin ich davon überzeugt dass sich hinter der Umfrage keine ausgeklügelte politische Intrige verbirgt.
Ich finde es gut, dass Sich Experten mit solchen Themen befassen und zahle auch gerne dafür Steuern – echt. Auf keinen Fall sollte man solche gesellschaftlichen Phänomene totschweiten oder gar sich etablieren lassen.
Die konkreten Zahlen sprechen schon für sich, allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch noch eine dunkelziffer gibt. Nicht nur die Befragten werden durch die Fragen beeinflusst, sondern auch all jene – und darauf wollte ich letztlich hinaus – die danach die Auswertung lesen, zitieren, weitererzählen, politisch einsetzen.
Dann kommt noch eine weitere Dunkelziffer hinzu: Die Telefon-Agenten, die den Test letztlich ausführen bringen nochmals eine zusätzliche Dynamik-komponente ins Spiel. So was zum Beispiel bei meiner Befragung nicht so deutlich klar, dass es auch die Antwort gab: “Ich kann diese Frage so nicht beantworten.” Auch wurde mir est während der Befragung nach und nach klar, dass mir diese Art der Fragestellung völlig “gegen den Strich” läuft. Da hatte aber der Agent bestimmte Antworten schon notiert und hatte auch keine Zeit, nochmals von vorne zu beginnen. Die Agenten stehen ja auch unter Zeitdruck, worunter wiederum die Qualität der Befragung leidet. Vielleicht wäre da ein schriftliches Formular besser.
Ich bin auch sehr gespannt auf die Auswertung. Gerne würde ich nochmals schriftlich den Fragenkatalog sehen:
Du hast zwar generell dazu Stellung genommen, was die Balkaner bzw. Farbingen bzw. Fahrenden in der “Familienfrage” verloren hatten. Aber ich habe diese Frage immer noch nicht so richtig verdaut. Hat sich da letztlich ein Telefonagent noch einen üblen Scherz erlaubt?
freundliche Grüsse
Tara
30. März 2007 um 10:23
Liebe Leute es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ab sofort findet ihr unter http://www.gfsbern.ch/antisemitismus den Schlussbericht zur Studie in seiner vollen Länge. Bitte macht euch selber ein Bild von den inhalten. Ich bin sehr gespannt auf Eure Reaktionen und stehe euch bei Fragen sehr gerne zur Verfügung! Liebe Grüsse Mab